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Autor : CDU/CSU Bundestagsfraktion

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Herr Kauder, Sie setzen sich für verfolgte, bedrängte Christen ein. Warum?

Volker Kauder: Wir Christen, die in einem freien Land leben, haben eine besondere Verpflichtung, uns für unsere Glaubensgeschwister in Not einzusetzen. Aber nicht nur die verfolgten Christen sind mein Thema, sondern die Religionsfreiheit weltweit.

Gab es da für Sie einen Auslöser, der Sie zu dem Thema gebracht hat?

Schon als junger Mann glaubte ich, dass es das Schicksal gut mit mir gemeint hatte. Meine Eltern waren Donauschwaben auf dem Gebiet des früheren Jugoslawiens. Sie wurden am Ende des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat vertrieben. Zum Glück waren sie auf der Flucht nicht im späteren kommunistischen Machtbereich hängengeblieben, sondern bis nach Hoffenheim durchgekommen. Deswegen wurde ich im Westen geboren. Ich hatte Brieffreunde in der DDR, denen es viel schlechter ging als mir. Sie waren auch christlich engagiert. Sie berichteten, welche Probleme ihnen bereitet wurden, ihren Glauben zu leben. Seitdem interessiere ich mich für das Thema Religionsfreiheit.

Ihre Familiengeschichte spielt da also noch mit?

Meine Familiengeschichte spielt insofern mit, als ich das immer als ein besonderes Geschenk betrachtet habe, im Westteil Deutschlands auf die Welt gekommen zu sein. Ich habe die Wiedervereinigung immer auch als einen Akt der Gerechtigkeit für die Generation gesehen, die das Pech hatte, auf der anderen Seite geboren worden zu sein.

Was kann, was muss die Bundesregierung denn für verfolgte Christen tun?

Das Wichtigste, was wir tun können: Religionsfreiheit zu fordern und Defizite zu benennen. Das ist in Demokratien leichter als in islamischen Gottesstaaten oder Diktaturen.

Aber es muss sein und es hilft auch, weil am Ende nur wenigen Staaten wirklich egal ist, ob sie in der Weltgemeinschaft in Kritik stehen oder nicht. In dem einen oder anderen Fall konnte meine Fraktion schon zu einer Verbesserung der Lage der Verfolgten beitragen. Es geht um viel. Die Religionsfreiheit ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Menschen wirklich frei und in Würde leben können. Hinzu kommt, dass dort, wo es keine Religionsfreiheit gibt, sehr oft kein Friede herrscht. Blicken Sie in den Nahen Osten. Die Konflikte dort haben zumindest auch immer einen religiösen Bezug.

Sie fordern vom Außenministerium länderspezifische Berichte zur Religionsfreiheit. Warum?

Das Außenministerium hat einen Bericht vorgelegt. Dieser reicht aber nicht. Der Bericht war zu pauschal. Er hat eher die Arten der Verfolgung aufgelistet. Es muss aber jedes einzelne Land betrachtet werden und das fehlte. Die Situation von Christen in Ägypten ist eine andere als in Nordkorea. Ich weiß, dass das dem Auswärtigen Amt nicht so recht ist, weil man damit der einen oder anderen Regierung richtig auf die Füße treten würde.

Sie fordern auch einen Beauftragten für Religionsfreiheit. Hat das Thema bislang zu wenig Gewicht?

Es gibt einen Menschenrechtsbeauftragten in der Bundesregierung. Der kümmtert sich auch um die Religionsfreiheit. Ich bin aber der Meinung, dass Religionsfreiheit ein so zentrales Menschenrecht ist, dass es dafür einen eigenen Beauftragten braucht.

 Es gibt ein Netzwerk von Parlamentariern ...

... Ja. In diesem Netzwerk sind Abgeordnete aus der ganzen Welt vertreten, auch aus Staaten, in denen der Islam Staatsreligion ist. Wir treffen uns alle zwei Jahre und tauschen uns aus.

Ist es die Mühe wert?

Ja. Gemeinsam ist man stärker und man kann sich auch besser unterstützen. Die Religionsfreiheit kann nicht nur Sache der Regierungen sein, sondern geht auch die Parlamente an. In den Diskussionen haben wir zudem eine interessante Erfahrung gemacht: Gerade die Vertreter aus Afrika oder der arabischen Welt sind zwar bei der Verteidigung der Religionsfreiheit für die Hilfe aus Europa und den USA und für das Netzwerk dankbar. Sie sagen aber, dass vor allem sie selbst gefragt sind, weil dies in der eigenen Bevölkerung als viel glaubwürdiger angesehen wird. Das erlebe ich auch im Nahen Osten. Wenn dort ein hoher islamischer Geistlicher zur Toleranz aufruft, wirkt dies auf die Menschen wesentlich stärker, als wenn dieser Appell von uns ausgeht. Das bedeutet aber nicht, dass auch wir uns in dieser Hinsicht nicht zu Wort melden sollten.

Sind außer Ihnen weitere deutsche Abgeordnete dabei, auch aus anderen Fraktionen?

Wir werben dafür, dass sich auch Abgeordnete aus anderen Fraktionen beteiligen. Ich habe das auch in der vergangenen Wahlperiode ausdrücklich in einem Brief an die übrigen Fraktionsvorsitzenden angeboten Die Aktivitäten gehen von meiner Fraktion und von mir aus, aber wir haben Interesse daran, dass aus dem Bundestag noch Parlamentarier aus anderen Fraktionen hinzustoßen.

Ist es sinnvoll, bei der Entwicklungshilfe den Hebel anzusetzen? Soll die Bundesregierung vorwiegend christliche Projekte fördern?

Ein klares Nein. Das sagen uns auch unsere Glaubensgeschwister. In Ländern, in denen die Christen bedrängt sind, wird die Situation eher schlechter, wenn der Eindruck entsteht, es werde besonders etwas für Christen getan und für andere nicht. Also keine christenspezifische Entwicklungspolitik. Unsere Entwicklungshilfe wendet sich an alle Menschen, was nicht ausschließt, christliche Hilfsorganisationen zu unterstützen, wenn sie ihre Arbeit gut machen.

Wie viele Sorgen machen Sie sich um die Türkei und die Christen dort?

In der Türkei gibt es leider schon fast keine Christen mehr. Da haben wir Sorgen, aber die Sorgen sind mit Blick auch andere Länder wesentlich größer. Schauen wir nach Nordkorea, Eritrea oder nach Syrien. Die Lage der koptischen Christen in Ägypten ist schwierig. Vielfach werden Christen gar nicht so sehr vom Staat verfolgt. Aber oft ist der Staat zu schwach, sie zu schützen. So ist die Lage im Norden von Nigeria, aber auch in Ägypten. In Ägypten geht sicher nicht der Staat gegen die Christen vor. Sie werden aber Opfer islamistischer Terroristen, die damit versuchen, den Staat insgesamt zu destabilisieren. Deshalb richtet sich der Terror übrigens auch zunehmend gegen Muslime.

Die Vereinten Nationen haben Sie bereits angesprochen. Tun die UN genug?

Ich glaube, dass die UN zu wenig tun. Die UN-Menschenrechtsorganisation in Genf hat zwar einen Sonderbeauftragten für Religionsfreiheit. Er ist aber schlecht ausgestattet. Den Posten hatte lange Professor Heiner Bielefeldt aus Deutschland inne, der sich sehr engagiert hat. Seine Berichte haben die UN aber insgesamt viel zu wenig bewegt. Mir scheinen die UN-Vertreter aus den islamischen Ländern sehr geschickt darin zu sein, dass Thema eher klein zu halten. Das hat mir gegenüber der frühere UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, der selber Christ ist, auch einmal angedeutet. Die UN bewirken leider kaum etwas.

Die Religionsfreiheit wird in manchen islamisch geprägten Ländern ausgenutzt?

Wir haben jahrelang im UN-Menschenrechtsrat in Genf Diskussionen über das Thema geführt: Soll man die Religion schützen oder die Religionsfreiheit des einzelnen? Vor allem Vertreter der islamischen Länder bestanden immer darauf, dass die Religion geschützt wird. Daraus sind dann Blasphemiegesetze entstanden, zum Beispiel in Pakistan oder in Indonesien. Wer über die Religion schlecht redet, wird bestraft. Unser Anliegen ist dagegen: Religionsfreiheit ist ein höchstpersönliches Menschenrecht. Das anzuerkennen, fällt manchen islamischen Staaten schwer. Zur Religionsfreiheit gehört nicht nur, dass man seine Religion frei bekennen darf, sondern auch, dass man sie wechseln kann.

Was ist Religion für Sie? Moralische Richtschnur?

Meine Erfahrung sagt mir: Die Frage, was nach dieser Welt kommt beschäftigt den Menschen ungemein. Die Einstellung zur Religion prägt einen Menschen – selbst die, die nicht an Gott glauben, so meine Erfahrung. Wir Christen sagen, jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Daher müssen wir uns für die Religionsfreiheit der Muslime einsetzen. Ich mache mir große Sorgen, dass der Orient und die arabische Welt im Augenblick drauf und dran sind, sich selbst auszulöschen, in der erbitterten Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten. Das erinnert an den Dreißigjährigen Krieg in unserer Geschichte.

Wo äußert sich Ihr christliches Menschendbild in der Politik und im Umgang mit Gegnern?

Kauder: Es äußert sich in klaren Positionen, wenn es um den Schutz menschlichen Lebens am Anfang und am Ende geht. Ich habe gegen die Abtreibungsregelungen im Bundestag gestimmt, habe mich stark gegen Spätabtreibungen eingesetzt, gegen die assistierte Sterbehilfe. Wenn ich mein Gegenüber als Ebenbild Gottes ansehe, darf ich keinen Menschen in seiner Würde verletzen. Das heißt für mich im politischen Streit, dass ich nicht den Menschen selbst kritisieren darf, sondern mich auf seine Aussagen und Handlungen konzentrieren muss. Ich muss zugeben: Das gelingt mir nicht in jedem Fall.

Wie oft zweifeln Sie an Ihrem Glauben?

Das wird vielleicht manche überraschen, aber ich habe noch nie an der Existenz Gottes und Jesu Christi gezweifelt. Ich habe mich mein ganzes Leben lang in Gottes Hand gefühlt. Das spüre ich.

In welchen Situationen?

Da ich mich ständig durch das Gebet mit Gott und Jesus Christus verbunden fühle, kann ich nicht sagen, in dieser oder jener Situation. Ich glaube auch nicht, dass man sagen kann: Ich bitte Gott um dieses oder jenes, und dann tritt es ein. So einfach ist es natürlich nicht. Die Nähe zu Gott und Jesus Christus bedeutet, dass man sich leiten lässt durch das, was von uns durch die Heilige Schrift verlangt wird. Das Christentum ist eine relativ einfache Religion: Es geht um Nachfolge. Ich habe Jesus Christus nachzueifern, ihm zu folgen. Da muss man nicht viele Regeln einhalten.

Welche denn?

Die Leitschnur für mich sind die zehn Gebote. Und Jesus formuliert: „Liebet ihr mich, so haltet meine Gebote.“ Gleichzeitig stellt er uns einen gnädigen Gott vor, der sagt: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Im Luther-Jahr muss man auch darauf hinweisen: Allein der Glaube wird uns Christen retten. Nachfolgen heißt auch, um die eigene Begrenztheit zu wissen. Es gibt nicht umsonst den Begriff der Sünde. Der Mensch handelt immer wieder schuldhaft, trotzdem steht die Gnade Gottes über allem. Als Christ kann man zufrieden und fröhlich sein, weil man weiß: Ich bin in Gottes Hand geborgen. Das erleichtert mir die politische Arbeit. Und: Jeder trägt einen Teil zum Ganzen bei. Ich kann immer nur meinen persönlichen Beitrag zum Gelingen leisten. Es ist beruhigend zu wissen, dass man nicht alles selbst organisieren kann und muss.

Kommen Sie dazu, regelmäßig in der Bibel zu lesen?

Ich bin inzwischen 68 Jahre alt und habe mein ganzes Leben mit der Bibel gelebt. Ich lese immer noch regelmäßig darin. Auch wenn man manche Stellen schon mehrmals gelesen hat, bietet sich immer etwas Neues. Ich kann das Herrnhuter Losungsbüchlein empfehlen, das liegt immer auf meinem Schreibtisch. Ich schaue fast jeden Tag rein. Das führt dazu, dass man sich immer aufs Neue mit dem Wort Gottes auseinandersetzt.

Hatten Sie als junger Mann eigentlich das Berufsziel Pfarrer?

Kauder: Nein. Aber ich war meiner Kirche schon sehr eng verbunden, auch in jungen Jahren. Ich war bei der evangelischen Jugend aktiv, im evangelischen Kirchenchor, in meiner Kirchengemeinde. Es vergehen nur wenige Wochen im Jahr, an denen ich es nicht schaffe, am Samstag oder Sonntag einen Gottesdienst zu besuchen.

Im Kirchenchor singen Sie aber nicht mehr?

Dazu fehlt mir einfach die Zeit. Aber ich singe im Gottesdienst immer kräftig mit.

Herr Kauder, nach all dem, was wir jetzt besprochen haben: Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

Weihnachten ist ein großes Ereignis. Gott ist in Jesus Christus Menschen geworden und als Kind auf die Welt gekommen. Das ist eine einzigartige Gewissheit. Jedes Kind bedeutet etwas Neues, etwas ganz Neues, was es bisher nicht gegeben hat. Gerade zu Weihnachten wird deutlich, dass das Christentum weiter in der Lage ist, den Menschen einen guten Weg zu zeigen und vor allem den Gläubigen eine festes Fundament in ihr Leben zu geben.

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